FaymannKirche

Glaubenskrieger

Das ambivalente Verhältnis des Kanzlers zur Kirche und zum Amt des Papstes. Werner Faymanns erster Auftritt auf der bundespolitischen Bühne, 1983 als der Kanzler fast ein Revoluzzer ist und fast ein bisschen die Krone kritisiert.

17 Monate ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn. Werner F. wird beschuldigt nach §188 des StGb „religiöse Lehren“ herabgewürdigt zu haben. Der spätere Bundeskanzler Werner Faymann steht mitten im ersten, ernsten politischen Konflikt seines Lebens.

Zum Besuch von Papst Johannes Paul II. in Wien und Mariazell wollen die Wiener Jusos ein „Anti-Papst-Fest“ veranstalten. Am 10. September 1983 lädt man in die Kulturhalle Oberlaa. Eintritt: Stolze 70 Schilling. Frauen-Staatssekretärin Johanna Dohnal soll sprechen, die EAV und andere kirchenkritische Musiker spielen. Doch es kommt anders.

Als die Veranstaltung im August 1983 bekannt wird, springen die Medien auf den Zug auf, die Kronen Zeitung beginnt gegen das Fest zu kampagnisieren, Politiker werden nervös. Altkanzler Bruno Kreisky bezeichnet die Aktion als “instinktlos”, Zeitungen zitieren ihn mit dem Satz: “Beleidigen dürfen sie ihn (den Papst, Anm.) nicht.” SPÖ-Zentralsekretär Fritz Marsch betont, seine Partei „steht positiv zum Besuch Papst Johannes Paul II. in Österreich“, der Zeitpunkt der Gegenaktion sei „mehr als ungeschickt gewählt“.

Schließlich schaltet sich auch noch der Bundespräsident ein. Am 23. August muss der bis dahin weitgehend unbekannte Vorsitzende der Wiener Sozialistischen Jugend, Werner Faymann, zu Bundespräsident Rudolf Kirchschläger in die Hofburg. Kirchschläger verlangt keine Absage, „wolle aber das Gastrecht sichergestellt wissen“, da der Staatschef den Papst 1979 persönlich eingeladen habe. Kurz darauf sagt Johanna Dohnal ihren Auftritt ab.

Werner Faymann geht in die Gegenoffensive, kritisiert die „mißverständliche Berichterstattung mancher Medien, vor allem der Kronen Zeitung“ und ändert den Titel der Veranstaltung. Aus dem „Anti-Papst-Fest“ wird eine „Alternative zum Papstrummel“. Rückendeckung bekommt er vom Bundesvorsitzenden der SJ Josef Cap. Der verurteilt zwar T-Shirts mit dem Aufdruck „Hau ab, Papst“, kritisiert gleichzeitig aber auch die Kosten des Besuchs. Ob denn nicht auch der Besuch von Yassir Arafat Kosten verursacht habe, wird Cap daraufhin gefragt: “So weit ich mich erinnern kann, wollte Arafat nicht neben einem Reiterdenkmal auf dem Heldenplatz auftreten.”

Faymann ist 1983 so unbekannt, selbst der SPÖ-Pressedienst nennt ihn drei Tage vor dem Besuch des Papstes noch ‘Hermann Faymann’.

„Weil wir etwas dagegen haben,[...] was der Papstrummel kostet,“ wird das Motto der Veranstaltung. Noch am Tag vor der Veranstaltung bezeichnet Faymann Johannes Paul II. als „Symbolfigur einer neuen konservativen Generaloffensive“, er wolle sich mit dem „Politiker Woytila“ auseinandersetzen. Faymann meint, der Erzbischof von San Salvador, Oscar Romero, hätte sich “im Grabe umgedreht”, als “Johannes Paul II. die Hand Ernesto Cardenals zurückwies, hingegen jene des früheren guatemaltekischen Diktators Efrain Rios Montt und des salvadorianischen Machthabers Roberto d’Aubisson ergriff”. Erzbischof Romero war als Gegner der Militärdiktatur im San Salvador der 70er Jahre zu Ruhm gelangt, ehe er während einer Predigt erschossen wird. Sein Tod gilt als Auslöser des zwölfjährigen brutalen Bürgerkrieges in San Salvador. Zu dieser Zeit soll der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio – der spätere Papst Franziskus – ein unklares Verhältnis zur Militärjunta in Argentinien unterhalten.

Das Magazin der SJ “Müsli” (Herausgeber: u.a. Werner Faymann) publiziert diesen Artikel gegen Wojtyla.

Beim „Alternative zum Papstrummel“-Fest am 10. September 1983 tauchen dann Banner mit der Aufschrift „Wenn der Papst schwanger wäre, wäre die Abtreibung ein heiliges Sakrament“ auf. Eine Papst-Puppe wird durch die Menge getragen, Musikkasetten mit „Liedern gegen den Papst“ werden verkauft. Faymann selbst kritisiert den „neuen, politischen Katholizismus” und verwehrt sich gegen einen “Maulkorb für die sozialistische Jugend”, damit die “heilige Ruhe” gewahrt bleibt.

Es kommt zu einer Anzeige der Veranstalter des gleichzeitig stattfindenden Katholikentages, bei dem Papst Johannes Paul II. zu Gast war. Das bisschen Kritik beschäftigt die Justiz mehr als ein Jahr.

Parlamentarische Anfragebeantwortung 1032/AB vom 31.01.198

Zwei Besucher des Festes, die Anti Papst-Parolen geschrien haben, werden in erster Instanz zu Geldstrafen oder, in einem Fall, sogar zu drei Monaten bedingter Haft verurteilt. Die zweite Instanz hebt beide Urteile aber wieder auf. Zweimal, im April und im Oktober 1984 beantragt die Staatsanwaltschaft weitere gerichtliche Erhebungen, nach 17 Monaten versandet die Anzeige gegen Faymann. Zu einem Prozess kommt es nie.

Nach der ganzen Aufregung schreibt der Spiegel:

Nichts ist es mit einem “Anti-Papst-Festival”, das die profilierungshungrigen Wiener Jusos in Szene setzen wollten. Nichts mit einer “Beratungsstelle für Kirchenaustritte”. Und erst recht nichts mit dem ketzerischen T-Shirt-Aufdruck “Hau ab, Papst”. Gleich der erste Jugendliche, der sich in einem derartigen Leibchen auf die Straße wagte, wurde in Wien festgenommen und nach Paragraph 188 wegen “Herabwürdigung religiöser Lehren” angezeigt.

Im Dezember desselben Jahres wird Bundespräsident Kirchschläger erstmals, nicht nur aus Anlass des anstehenden Weihnachtsfestes, sondern explizit auch wegen „des Besuches seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. in Österreich,“ 1131 Strafgefangene begnadigen.

Paragraf 188, der die Herabwürdigung religiöser Lehren unter Strafe stellt, ist nach wie vor in Kraft, obwohl in den 1990ern das Liberale Forum seine Abschaffung fordert. Zwischen 1990 und 2000 gab es neun Verurteilungen. Neuere Zahlen gibt es nicht.

Werner Faymann war und ist Mitglied der katholischen Kirche, bezeichnet sich selbst als gläubig und wird am kommenden Dienstag, gemeinsam mit dem bekennenden Agnostiker Heinz Fischer zur Amtseinführung des neuen Papstes Franziskus nach Rom fliegen.

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